Mein Kalender ist kein Beweis mehr

Heute Morgen habe ich in meinen Kalender geschaut. Ich wollte nur die Arzttermine prüfen, die nach meinem Treppensturz anstehen. Und dann sah ich etwas, das mich früher nervös gemacht hätte: Platz. Weiße Flächen. Tage, an denen fast nichts steht.

Ich musste nicht nach einer Lücke suchen, um die Termine unterzubringen. Die Lücken waren einfach da. Und statt Unruhe spürte ich etwas, das ich in vier Jahrzehnten Berufsleben nie gespürt habe, wenn ich in einen Kalender schaute. Entspannung.

„Wie war deine Woche?" „Voll."

So lief das früher. „Wie war deine Woche?" „Voll." Und dieses „voll" wurde gesagt wie ein Orden. Je dichter der Kalender, desto wichtiger die Frau. Ein Termin am anderen, keine Luft dazwischen, das war die Währung, in der wir unseren Wert gemessen haben.

Und am Freitag? Erschöpft. Und trotzdem das Gefühl, nicht alles geschafft zu haben. Das war das Verrückte an diesem Beweis: Er bewies am Ende vor allem meine Erschöpfung. Die Liste war nie fertig. Der Kalender war voll, und ich war leer.

Wem wollte ich das eigentlich beweisen?

Ein voller Kalender war der Beweis: Ich werde gebraucht. Ich bin wichtig. Ich bin erfolgreich. Solange jeder Tag verplant ist, muss man sich nicht fragen, ob das stimmt. Der volle Kalender beantwortet die Frage, bevor irgendjemand sie stellt.

Deshalb war ein leerer Tag unheimlich. Er stellte die Frage. Was, wenn niemand nach dir fragt? Was bleibt von dir, wenn nichts ansteht? Also wurde der leere Tag schnell wieder gefüllt. Nicht weil alles davon wichtig gewesen wäre. Damit die Stille keine Fragen stellt.

Heute weiß ich: Ein Kalender, der beweisen muss, gehört nicht dir. Er gehört den anderen. Du bist nur die Frau, die ihn abarbeitet.

Was heute drinsteht

Sauna. Schwimmen. Bald vielleicht Physiotherapie. Ab und zu ein Interview mit einer Frau für mein Leuchtturmfrauen-Projekt. Das ist mein Kalender heute.

Früher hätten diese Einträge dort nie gestanden. Sauna beweist nichts. Schwimmen bringt keinen Umsatz. Solche Termine mussten früher in die Restzeit, und Restzeit gab es nie. Heute stehen sie im Kalender, schwarz auf weiß, mit demselben Recht, mit dem früher die Kundentermine dort standen. Denn die wichtigste Kundin bin ja wohl ich.

Ich habe mir angewöhnt, nicht mehr zu viele Termine in eine Woche zu packen. Ich setze mir kleinere Ziele. Und ich erreiche sie. Das ist der Unterschied, der alles verändert hat: Ich beende meine Wochen nicht mehr mit einem Rest schlechten Gewissens. Ich beende sie mit einem Haken dahinter.

Früher war ich erfolgreich, weil ich viele Termine hatte. Heute bin ich erfolgreich, weil zwischen meinen Terminen Platz ist. Platz für mich. Und ich muss sagen: Das fühlt sich großartig an.

Achtsamkeit hat die Adresse gewechselt

Es gibt ein Wort, das in meinem Leben eine komplette Wendung gemacht hat: Achtsamkeit. Das Wort gab es in meinem Berufsleben schon immer. Aber es bezog sich auf Termine. Auf Abläufe. Auf Prozesse. Achtsam sein hieß: nichts übersehen, nichts verpassen, keinen Fehler machen. Ich war hochachtsam. Mit allem. Nur nicht mit mir.

Auf Körper und Geist habe ich weniger geachtet. Zeichen habe ich nicht gedeutet. Die Müdigkeit, die Verspannung, das leise Ziehen. Das waren Störgeräusche, die den Ablauf nicht aufhalten durften.

Dabei waren die Zeichen irgendwann alles andere als leise. Zweimal hat mein Körper in meinem Berufsleben die Notbremse gezogen. Zwei schwere Hörstürze. Alle um mich herum sagten dasselbe: Das ist stressbedingt, du musst einen Gang runterfahren. Und ich? Ich habe einen Gang runtergefahren. Genau so lange, wie die Genesung dauerte. Danach ging es weiter mit Vollpower, als wäre nichts gewesen.

Heute sehe ich die Ironie darin: Mein Körper hat sich ausgerechnet das Gehör ausgesucht, um mir zu sagen, dass ich nicht zuhöre. Zweimal. Und ich habe beide Male weggehört.

Heute bedeutet Achtsamkeit etwas anderes. Sie bezieht sich auf meine körperliche und geistige Gesundheit. Dasselbe Wort, eine neue Adresse. Früher galt meine Achtsamkeit den Prozessen. Heute gilt sie der Frau, die diese Prozesse jahrzehntelang am Laufen gehalten hat.

Genau dafür stehen Sauna und Schwimmen in meinem Kalender. Sie sind keine Lückenfüller. Sie sind meine neuen Prozesse. Und ich halte sie ein, so zuverlässig, wie ich früher jeden Kundentermin eingehalten habe.

Der Kalender als Spiegel

Schau mal in deinen Kalender. Nicht auf die Termine. Auf die Namen dahinter. Wer steht da? Der Chef. Die Kunden. Die Familie. Der Zahnarzt der Kinder. Alle sind da. Und du? Stehst du auch drin?

Dein Kalender zeigt dir, wem dein Leben gerade gehört. Er ist ehrlicher als jedes Tagebuch. Und wenn du in ihm nicht vorkommst, weißt du, was zu tun ist. Trag dich ein. Wie einen Kunden. Mit Datum, Uhrzeit und dem festen Vorsatz, diesen Termin genauso ernst zu nehmen wie alle anderen.

Genau richtig

Mein Kalender ist kein Beweis mehr. Er ist wieder das, was er immer hätte sein sollen: ein Werkzeug. Er muss nichts mehr beweisen. Ich auch nicht.

Wenn mich heute jemand fragt, wie meine Woche war, sage ich nicht mehr „voll". Ich sage: genau richtig.

Wie ich zu dieser neuen Langsamkeit gezwungen wurde, habe ich in „Ich bestimme die Geschwindigkeit" erzählt. Und warum ich mich von Papieren nicht mehr definieren lasse, steht in „Mein Lebenslauf hat kein Verfallsdatum". Der Kalender ist das dritte Dokument, das ich entmachtet habe.

Und du? Schau in deinen Kalender. Wer steht drin? Stehst du selbst drin? Und was antwortest du, wenn dich jemand fragt, wie deine Woche war? Schreib es mir.

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